Förderschule Salem.

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Fängt der frühe Vogel den Wurm ?

Ist die Schülerleistung abhängig vom Einschulungszeitpunkt ?

Der Effekt des Einschulungsalters

Prof. Dr. Patrick A. Puhani, Dipl.-Volkswirtin Andrea M. Weber November 2005
Studie zum Effekt des Einschulungsalters auf die Schülerleistung

Kinder, die auf Grund bestehender Regelungen mit ungefähr sieben anstatt mit etwa sechs Jahren eingeschult werden, ziehen daraus langfristige Vorteile. Der Reife-Vorsprung der älteren Erstklässler führt dazu, dass sie am Ende der Grundschulzeit ein deutlich besseres Leseverständnis aufweisen und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf ein Gymnasium übergehen. Im Lichte dieser Ergebnisse erscheint der Nutzen einer Politik immer früherer Einschulungszeitpunkte fragwürdig, wenn sie nicht mit einer Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklungsstadien, in denen sich die Kinder befinden, einhergeht. .
Die Erkenntnisse basieren auf einer neuen wissenschaftlichen Untersuchung, die von Patrick Puhani und Andrea Weber (beide an der Technischen Universität Darmstadt) durchgeführt wurde. Dabei wurden umfangreiche Schüler-Datensätze, die Informationen zum Einschulungsalter enthalten, ausgewertet. Die Studie berücksichtigt, dass das Einschulungsalter selbst von Eigenschaften der Schülerinnen und Schüler abhängen kann, die einen direkten Effekt auf die spätere schulische Leistung haben. So ist beispielsweise zu vermuten, dass Spät-Eingeschulte häufig Kinder sind, die von Eltern oder Lehrern von vorne herein als weniger leistungsfähig eingestuft werden. Bei einem einfachen Vergleich von Kindern, die mit unterschiedlichem Alter eingeschult werden, würde man vernachlässigen, dass für diese Kinder, auch unabhängig von einem tatsächlichen Effekt des Einschulungsalters, Leistungsdifferenzen zu erwarten sind. Die verwendeten statistischen („ökonometrischen") Methoden ermöglichen es, die Frage nach der Auswirkung eines höheren Einschulungsalters zu beantworten, ohne dabei einen solch unzulässigen Vergleich zu ziehen .
Es werden unter anderem die Daten der Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU für Deutschland herangezogen, um die Auswirkung des Einschulungsalters auf die Ergebnisse in dem im Jahr 2001 durchgeführten Leseverständnistest zu untersuchen. Für die verwertbare Stichprobe von rund 6.600 Viertklässlern zeigt sich, dass später eingeschulte Schülerinnen und Schüler deutlich bessere Testergebnisse erzielen als früher Eingeschulte. Die Ergebnisse werden durch Auswertungen eines Datensatzes bestätigt, der Informationen zu allen Schülerinnen und Schülern enthält, die im Schuljahr 2004/2005 an hessischen Schulen unterrichtet wurden. Für eine Stichprobe von insgesamt 182.676 Kindern, die in den Schuljahren 1997 bis 1999 eingeschult wurden, ergeben die Untersuchungen, dass das Einschulungsalter einen signifikanten Einfluss auf die später besuchte Schulform (z.B. Gymnasium) ausübt. .
Die gemessenen Effekte beziehen sich auf Einschulungen, die auf Grundlage gängiger Regelungen erfolgen, für die der Geburtsmonat des Kindes entscheidend ist. So sind zumeist Kinder, die im Herbst oder Winter geboren sind, älter als Kinder in derselben Klassenstufe, deren Geburtstage in die früheren Monate fallen.
Die Plausibilität der Ergebnisse wird auch durch eine kleine Umfrage unter 25 Schulleiterinnen und Schulleitern im Bundesland Hessen bestätigt. Die meisten Befragten beklagten dabei eine mangelnde Schulreife sehr junger Erstklässler, insbesondere bezüglich der Konzentrationsfähigkeit, der Überwindung von Frustration und der Selbstorganisation.
Die vollständige Studie mit dem Titel „Does the Early Bird Catch the Worm? Instrumental Variable Estimates of Educational Effects of Age of School Entry in Germany" ist unter folgender Internetadresse als PDF-Datei kostenfrei zugänglich:
ftp://ftp.iza.org/dps/dp1827.pdf

 

„Die älteren Kinder sind einfach fitter"
Grundschule: TU-Wissenschaftler legen Studie zum Effekt des Einschulungsalters auf die Schülerleistung vor

„Wir haben uns selbst sehr gewundert", stellt Patrick Puhani im Nachhinein fest. Der Professor am Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung der Technischen Univer-sität hat mit seiner Kollegin Andrea Weber eine Studie angefertigt, wie sich das Ein-schulungsalter auf die Schülerleistung auswirkt. Ergebnis: Kinder, die mit knapp sieben anstatt mit knapp sechs Jahren eingeschult werden, ziehen daraus langfristig Vorteile. Der Reife-Vorsprung der älteren Erstklässler führt dazu, dass sie am Ende der Grund-schulzeit ein deutlich besseres Leseverständnis aufweisen und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf ein Gymnasium wechseln. „Das hat sich als eindeutig herausgestellt", sagt Puhani, der an der TU Volkswirtschaft lehrt.

Das Ergebnis ist umso verwunderlicher, als nach der Pisa-Studie Bildungspolitiker dafür plädierten, Kinder eher früher einzuschulen, um im internationalen Vergleich besser dazustehen. „Der frühere Einschulungszeitpunkt ist aber fragwürdig, wenn er nicht die unterschiedlichen Entwicklungsstadien berücksichtigt, in denen sich die Kinder befinden", sagt Puhani. Die TU-Wissenschaftler stützen ihre Ergebnisse mit Auswertungen eines Datensatzes, der Informationen zu knapp 183 000 Schülern enthält, die im Schuljahr 2004/2005 an hessischen Schulen unterrichtet wurden. Des Weiteren wurden Daten der Grundschul-Lese-Untersuchung „Iglu" herangezogen. Für die verwertbare Stichprobe von rund 6600 Viertklässlern zeigte sich, dass später eingeschulte Kinder bessere Testergebnisse erzielen als früher Eingeschulte.  „Die älteren sind einfach fitter", sagt Puhani. Sie könnten sich in der Regel besser konzentrieren, seien besser organisiert und könnten auch mit negativen Erfahrungen eher umgehen. Dies wiederum bestätigte eine Umfrage unter 25 hessischen Schulleitern, die der TU-Professor interviewte. Auch Guido Bauer, Leiter der Arheilger Wilhelm-Busch-Schule, stimmt dem zu: Zwar gebe es Kinder, die kognitiv durchaus soweit sind, eingeschult zu werden. „Aber sie haben oft noch Defizite im sozialen Umgang", sagt Schulleiter Bauer. „Wir sind in der Schule leider nicht so ausgestattet, dass wir diese Kinder auffangen können." Die Pisa-Studie werde falsch interpretiert, kritisiert Professor Puhani. Die deutschen Schüler schnitten schlecht ab, die Heterogenität war hoch. Was wurde daraus gefolgert? „Da schulen wir doch einfach früher ein, damit die lernschwachen Kinder besser aufgefangen werden können." Werden sie aber nicht, wenn es kein spezialisiertes Personal beispielsweise für Schüler mit Sprach- oder Konzentrationsproblemen gibt. „Tatsache ist, dass die Länder mehr Geld für pädagogische Fachkräfte zur Verfügung stellen müssten."  Hessen bietet eine interessante Ausnahme: An den Grundschulen mit Eingangsstufen gibt es neben Lehrern beispielsweise auch Sozialpädagogen, die schwächeren Schülern helfen. „Und in dieser Schulform kann gezielt mit einzelnen Schülern gearbeitet werden." Nun folgern die TU-Wissenschaftler keineswegs, dass Kinder generell später in die Schule kommen sollen. „Wir sagen nur, dass im bestehenden Schulsystem die frühe Einschulung keinen Sinn macht, solange keine zusätzliche pädagogische Unterstützung wie in der Eingangsstufe gewährleistet ist." Die Studie berücksichtigt, dass das Einschulungsalter natürlich auch von Eigenschaften der Schüler abhängt. So tendieren Eltern und Erzieher dazu, weniger leistungsstarke Kinder lieber noch ein Jahr länger im Kindergarten zu lassen; und wer sich dort wiederum pfiffig zeigt, wird gerne als „Kann-Kind" schon mit fünf Jahren für die Schule empfohlen. Puhani und Weber beklagen, dass es in Deutschland nur unzureichendes Datenmaterial und nahezu keine Langzeitstudien zu Schülern gibt. In der Schweiz etwa befrage man Schüler bis zum 22. Lebensjahr, wie sie sich schulisch und beruflich entwickeln. Davon träumen die Darmstädter. „Wir brauchen – um ernsthafte Forschung wie in den Naturwissenschaften zu betreiben – auch über die Schule endlich verlässliche Daten über einen längeren Zeitraum", fordert Puhani. Nur so könne langfristig im Bildungswesen etwas sachgerecht geändert werden.

Annette Wannemacher-Saal 26.11.2005

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